SERIE wba-Kandidat/innen im INTERVIEW, heute Margit Gusenbauer, Beraterin und Coach in Oberösterreich – Erwachsenenbildnerin mit Hörbeeinträchtigung

MARGIT GUSENBAUER1 Margit Gusenbauer  / Foto: privat  

Frau Gusenbauer, Sie arbeiten in der Beratung und im Coaching auch mit und für Menschen mit Behinderung. Was motivierte Sie persönlich dazu, in der Erwachsenenbildung tätig zu werden? 

Meine persönliche Vision und Motivation ist es, Bildungseinrichtungen und ihren BesucherInnen das notwendige Know-how zu vermitteln, so dass Menschen, die mit  Höreinschränkungen leben, bestmöglich am Bildungsangebot  teilnehmen können. Denn die Gruppe der „schwerhörigen“ Menschen, also alle, bei denen sich das Hörvermögen im Laufe des Lebens verschlechtert, wird immer größer (statistisch gesehen ist jede/r fünfte betroffen!). Die Freude an der Arbeit mit Menschen, die Möglichkeit hilfreich und unterstützend tätig zu sein und so manche Brücken zu bauen, ist meine Motivation in der Erwachsenenbildung tätig zu sein.

 

Sie haben für Ihren Weg in die Erwachsenenbildung die wba (Weiterbildungsakademie Österreich) gewählt. Wie waren Ihre Erfahrungen beim Absolvieren der wba? 

Ausgesprochen gut! Meine wba-Betreuerin, die mir offenherzig begegnete und mich stets rasch und unkompliziert mit hilfreichen Infos unterstützte, war sehr kompetent und entgegenkommend. Außerdem war für mich die Möglichkeit, eine Wertschätzung für die Kompetenzen zu bekommen, die ich bisher eher lose angesammelt hatte, etwas ganz Besonderes! Die Idee der wba, Menschen zu ermuntern sich mit ihren Kompetenzen auseinander zu setzen, auch nicht formales Wissen sichtbar zu machen und in Form eines Zertifikats anzuerkennen und dafür Unterstützung und den wertschätzenden Rahmen zur Verfügung zu stellen, hat mich persönlich begeistert und sehr gestärkt.

 

Der Weg über die wba ins Arbeitsfeld der Erwachsenenbildung ist demnach für Sie ein empfehlenswerter?

Jedenfalls. Die wba ist für mich ein wichtiger Baustein meines persönlichen Bildungsweges. Durch die Zertifizierung konnte ich meine Auftragslage verbessern. Darüber hinaus war dieser Weg für mich bereichernd. Ich bekam Zugang zu interessanter Literatur, konnte Seminare besuchen, die meinen Horizont erweiterten und es ergaben sich neue Kontakte. Also ist der Weg jedenfalls empfehlenswert.

 

Gab es auf Ihrem Weg zur Zertifizierung besondere Herausforderungen, Hürden oder Barrieren?

Vor meinem Start waren für mich zwei Punkte besonders wichtig: Einerseits die Ermunterung der Fachbereichsleitung, diese Chance zu ergreifen, andererseits abzuklären, ob die Rahmenbedingungen überhaupt so sind, dass ich teilnehmen kann! Nachdem bei mir eine Hörschwäche vorliegt, ist im Zuge von Seminaren und bei sämtlichen Veranstaltungen immer die gleiche ausschlaggebende  Frage: Wie ist der Ort und das Setting? Kann ich es schaffen, dort genug zu hören, so dass ich mitkommen und mitarbeiten kann? Herausforderung dabei ist, immer schon im Voraus und jedes Mal wieder dem/der VeranstalterIn, der Haustechnik, den Vortragenden, den TeilnehmerInnen,… meine Situation darzulegen und darauf zu hoffen, auf offene Ohren zu stoßen. Hürden sind dabei oft fehlende räumliche oder technische Ausstattungen (Induktionsanlagen, Mikros,…) bzw. das mangelnde Wissen über deren Anwendung, Notwendigkeit und Möglichkeiten. Auf Barrieren stoße ich, wenn z.B. Vortragende oder TeilnehmerInnen es ablehnen ein Mikrofon zu verwenden, oder wenn die Situation keinen Sichtkontakt zum/zur SprecherIn zulässt, oder wenn ein gutes Hörvermögen Voraussetzung für die Teilhabe ist (Hörbeispiele, Übungen mit geschlossenen Augen, in Bewegung,…). Die Klärung vorab war für mich jedenfalls sehr wichtig. Indem ich meine Bedürfnisse und Bedenken preisgab, ließ sich mit Hilfe der wba-Betreuerin und den Seminarleiter_innen vieles unkompliziert  abklären und ich konnte mit einem guten Gefühl starten.

 

Gab es  überraschend Positives?

Ich erntete viel Entgegenkommen! Habe ich die Möglichkeit zu erklären was ich brauche, so dass die Menschen meine Bedürfnisse verstehen können, ist es immer wieder erstaunlich für mich wie entgegenkommend die Menschen sind und ich bin happy, dass ich teilhaben darf!

 

Was empfehlen Sie Menschen mit Behinderung(en), die sich überlegen, im Bildungsbereich arbeiten zu wollen?

Ob im Bildungsbereich oder anderswo: es ist  wichtig zu formulieren, was genau man braucht. Nach meiner bisherigen Erfahrung halte ich es für unumgänglich, die eigenen Bedürfnisse formulieren und beispielhaft darlegen zu können. Das schafft Klarheit für alle Beteiligten. Wenn sich jemand nicht über ein vorliegendes Hörproblem zu sprechen traut, sorgt das in jedem Fall für Verunsicherung. Und zwar bei allen: bei Vorgesetzten, bei KollegenInnen, bei der Lerngruppe,… und gefährdet Beziehungen, Zusammenarbeit und Lernerfolg. Es können dadurch z.B. Fragen nicht richtig beantwortet werden oder es entstehen Missverständnisse. Im Falle eines/r schwerhörigen KursleiterIn oder KursteilnehmerIn kann z.B. schon bei der Vorstellung eingebracht werden: „Es ist mir wichtig, Sie noch darauf hinzuweisen, dass ich nicht gut höre. Es ist für mich hilfreich, wenn immer nur eine Person spricht und bitte geben Sie vor Wortmeldungen zusätzlich ein Handzeichen“. Je konkreter formuliert wird, was es braucht, desto besser wird es klappen. Um so etwas ohne Unsicherheiten vorzubereiten, kann man z.B. ein Coaching in Anspruch nehmen. Zusätzlich ist es günstig, die Rahmenbedingungen (bauliche, technische,…) zu prüfen. Gegebenenfalls um einen anderen Raum bitten, eigene Vorschläge zur Umgestaltung oder auch die Bitte nach Modifikation von Arbeitsabläufen einbringen (z.B. sich um die Anschaffung von Hilfsmitteln zu kümmern oder eine Umstellung von Telefon- auf E-Mail-Verkehr vorzuschlagen, wenn das Hörvermögen Telefonate nicht zulässt).

 

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum noch so wenige Menschen mit Behinderung in der Erwachsenenbildung tätig sind? Und was empfehlen Sie Bildungseinrichtungen oder Bibliotheken, die sich überlegen, Menschen mit Behinderung einzustellen?

Nach meiner Meinung ist für Menschen mit Behinderungen die höchste  Barriere die, in den Köpfen der Menschen nicht vorzukommen, also von vorneherein gar nicht in Erwägung gezogen zu werden. Lassen Sie Betroffene zu Wort kommen! Laden Sie bei jeder Ausschreibung Menschen mit Beeinträchtigungen ein, sich zu bewerben. Fragen Sie in den Vorstellungsgespräche nach den Fähigkeiten und Ressourcen. Sprechen Sie Ihre Vorstellungen/Erwartungen/Befürchtungen aus und bieten Sie Flexibilität, wenn es die Situation erfordert  (z.B.  bei Arbeitszeiten oder Arbeitsabläufen). Fakt ist: Selbst bei gleicher Qualifikation bleibt, dass ein Mensch mit Behinderung situationsbedingt anders handelt oder reagiert.  Es sind oft nicht großen Barrieren das Problem, sondern eher die zwischenmenschlichen Kleinigkeiten des beruflichen Alltags, die herausfordern und bewältigt werden müssen. Z.B. wenn KollegInnen sauer sind, weil Schwerhörige nicht zum Telefondienst eingeteilt werden, weil Muskelkranke nie einfach geschwind einen Akt von anderen Stockwerken holen können oder Rolli-BenutzerInnen häufig ungenau kommen, weil der Fahrtendienst oft unpünktlich ist.  Darüber muss es aufklärende Gespräche oder auch Gegengeschäfte geben, damit das Miteinander für alle klappen kann. Meine ganz persönliche Vision ist, dass in jeder Abteilung, in jedem Stockwerk, in jeder Ausbildung, in jedem Seminar sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigung begegnen. Ich halte jede Separierung im Bildungs-, Berufs- und Alltagsleben für falsch. Das Ergebnis davon ist ja diese spürbar große Scheu im Umgang miteinander, weil nicht in direktem Austausch voneinander gelernt werden kann!

 

Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer erwachsenenbildnerischen Arbeit und was sind Ihre größten Wünsche für eine barrierefreiere Erwachsenenbildung?

Ich erlebe den Bildungsbereich als positives und wertschätzendes Tätigkeitsfeld in dem sich vielfältig interessierte Menschen tummeln, die auch viel Offenheit Neuem gegenüber mitbringen. Was ich mir wünsche ist mehr Barrierefreiheit im Sinne eines unkomplizierten Umgangs miteinander. Z.B. weniger Scheu der ErwachsenenbildnerInnen im Umgang miteinander. Ich wünsche mir viele ErwachsenenbildnerInnen, die selbst mit einer Behinderung leben. Und ein offensives und öffentliches Werben der AnbieterInnen und Einrichtungen für die Zielgruppe der Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen.

Das Interview wurde vom Bildungsnetzwerk Steiermark im Rahmen des Projektes Barrierefreie Erwachsenenbildung geführt und auf dem aktuellen Newsletter veröffentlicht.

Hier finden Sie den gesamten Newsletter: http://www.bildungsnetzwerk-stmk.at/newsletter/441-nl-februar-barrierefrei.html

Die Website von Frau Gusenbauer finden Sie hier.

 

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