Über den Tellerrand: Ein Studienbesuch in der Schweiz zu Validierung

Über den Tellerrand – Schweiz Foto_Teller Schweiz

Von 5. bis 9. Mai 2014 nahm die pädagogische Mitarbeiterin der wba, Gudrun Breyer, an einem Study Visit in Bern / Schweiz teil.

Thema: Validierung und Anerkennung von Kompetenzen in- und außerhalb der Strukturen des Bildungssystems

 

14 Teilnehmer/innen aus 11 europäischen Ländern aus unterschiedlichsten Bildungssektoren (vom universitären über den schulischen Bereich, der Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen bis hin zur innerbetrieblichen Bildung, regionalen sowie internationalen Vernetzungsakteuren und der Erwachsenenbildung) tauschten sich fachlich aus.

Foto Study Visit Schweiz_Teilnehmende

Foto: 14 Teilnehmer/innen des Workshops in Bern und Koordinatorin Frau Notter (ganz rechts); Fotocredits: Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit

 

Diente der erste Tag dazu, die Arbeitsbereiche der anderen Teilnehmer/innen und damit die verschiedenen europäischen Bildungssysteme kennenzulernen, so folgten die restliche Woche Präsentationen von Validierungsexpert/innen und Besuche in Betrieben und Institutionen, die sich mit Validierung auseinandersetzen. Augenöffnend war beides, die europäische Dimension der Gruppe und die angeregten Diskussionen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Bildungssysteme und Arbeitsfelder. Stärken und Optimierungsfelder im eigenen Arbeitsumfeld erhielten mit einem Mal eine andere Gewichtung. Spannend war auch die Feststellung, dass man mit manchen Herausforderungen wie etwa der Hinwendung zu Kompetenzorientierung, zum lernergebnisorientierten Beschreiben von Lerninhalten, zu einer Installation eines Nationalen Qualifikationsrahmens, nicht alleine da stand, sondern dass sich auch andere europäische Länder damit gerade intensiv befassten.

Die von der Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit (die den Studienbesuch organisierte)  ausgewählten Expert/innen und Institutionen bildeten ein buntes Kaleidoskop der vielfältigen Validierungsmöglichkeiten und belegten, wie umfassend Validierung in der Schweiz betrieben wird bzw. in welchen Kontexten man/frau sich damit auseinandersetzt.

Beispiel Schweiz

Was die Schweiz im Bereich der Validierung so auszeichnet, ist die Tatsache, dass bereits 1978 im Bundesgesetz über die Berufsbildung im Artikel 41 (http://www.bbprojekte.ch/files/bb09/kap5/aBBG.de.pdf) die Möglichkeit einer Validierung von Bildungsleistungen (damals für die Zulassung zur Lehrabschlussprüfung) festgeschrieben wurde. Dieses Recht auf Gleichwertigkeitsbeurteilung (auch Validierung von Bildungsleistungen bzw. Validation des acquis de l’expérience  – VAE) regelt auf Bundesebene die aktuelle Fassung der Berufsbildungsverordnung (BBV)  in den Artikeln 30 bis 32. Festgelegt werden hier die Anforderungen an Qualifikationsverfahren, andere zulässige Qualifikationsverfahren sowie die besonderen Zulassungsvoraussetzungen (wie etwa eine fünfjährige Berufspraxis). Dabei erlaubt das Gesetz Erwachsenen, die über Kompetenzen verfügen, die für einen Berufstitel vorausgesetzt werden, diese „durch eine Gesamtprüfung, eine Verbindung von Teilprüfungen oder durch andere vom Bund anerkannte Qualifikationsverfahren“ nachzuweisen, sich berufliche oder anderweitig erworbene  Praxiserfahrungen anrechnen zu lassen und damit einen anerkannten Schweizer Abschluss zu erlangen.  Die Umsetzung obliegt dabei den Kantonen und wird dementsprechend unterschiedlich aufgegriffen.
Wie ein solches Validierungsverfahren dann im Detail aussieht, wurde anhand des Ablaufs am biz Oerlikon, der Universität Genf, am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung in Lausanne und am Berufsberatungszentrum in Genf vorgeführt.

Als Richtlinie gilt dabei der Leitfaden für die berufliche Grundbildung – Validierung von Bildungsleistungen, in dem das Validierungsverfahren und die Validierungsinstrumente beschrieben werden (http://www.sbfi.admin.ch/berufsbildung/01505/index.html?lang=de) .

Das Validierungsverfahren gliedert sich dabei in folgende Phasen:

Phase 1: Information und Beratung

Phase 2: Bilanzierung (Erstellung eines Dossiers)

Phase 3: Beurteilung (das Dossiers)

Phase 4: Validierung (und Feststellung von etwaigen Ergänzungen durch Weiterbildungen etc.)

Phase 5: Zertifizierung

Vergleich mit und Anregungen für das wba-Verfahren

Im Grunde genommen ähnelt dieses Verfahren sehr stark dem der wba. Unterschiede finden sich aber in Details. So teilen sich die wba-Expert/innen des Akkreditierungsrats und die Zertifizierungswerkstattleiter/innen z.B. jene Rolle, die beim Schweizerischen Verfahren die Assessor/innen alleine ausfüllen. Die Assessor/innen interagieren direkt mit den Teilnehmer/innen während im Fall der wba zwischen Kandidat/innen und Akkreditierungsrat die wba-Berater/innen zwischengeschaltet sind.

Am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) werden die Assessor/innen ebenso stark wie die Betreuer/innen („Berater/innen“) in die Qualitätssicherung und Weiterentwicklung des Validierungsverfahrens involviert. Eine Doktorarbeit setzte sich dabei mit der spannenden Fragestellung auseinander, ob differenzierte Validierungskriterien dazu angetan sind, die Objektivität der Assessor/innen und die Transparenz des Verfahrens zu erhöhen. Das Ergebnis war insofern interessant, als es zeigte, dass Kriterien alleine zwar unabdinglich sind, aber nur dann zu einem Mehr an Objektivität führen, wenn sich die Assessor/innen über mögliche Einflussfaktoren bei ihrer Entscheidungsfindung im Klaren sind und ihre Entscheidungen im Team diskutieren und reflektieren.

Am EHB werden Validierungsexpert/innen eigens ausgebildet. Ein wesentlicher Schritt in der Professionalisierung von Personen, die im Validierungsbereich agieren, der in den meisten europäischen Ländern erst zu tun ist.

Bestätigt wurde vielfach während dieser Woche, was bereits 2009 Patrick Werquin in einem OECD Artikel betonte (www.oecd.org/dataoecd/22/12/44600408.pdf): dass die persönliche und permanente Anleitung und Begleitung der Validierungskandidat/innen durch den Validierungsprozess zentral für ein erfolgreiches und qualitätsvolles Gelingen ist.

Bedeutung – Chancen – Hindernisse

Federführend wie die Schweiz beim Thema  Validierung ist, so sieht auch sie sich einigen Hürden gegenüber, insbesondere  dem Fakt, dass es in der Schweiz zwar eine Rechtsgebung auf Bundesebene hinsichtlich Validierung, aber keine zentrale Koordinationsstelle gibt. Nicht nur die 26 Kantone, die auf die verschiedenen Nachfragen mit einem jeweils eigenen Angebot reagieren, insbesondere die Teilung der Schweiz in vier Sprachgruppen und damit vier verschiedenen Kulturen und Zugänge zu Bildung erschweren den Validierungsprozess. In der französischsprachigen Schweiz steht man der Anerkennung von Lernleistungen durchwegs offener gegenüber als etwa in der deutschsprachigen Schweiz.

Gezeigt hat sich, dass Validierungsverfahren Einzelnen Möglichkeiten eröffnen, die ihnen andernfalls (aufgrund mangelnder zeitlicher oder finanzieller Ressourcen) verwehrt blieben, dass aber die Mehrheit dennoch traditionelle formale Bildungswege beschreitet.

Mit einem Stapel Unterlagen in Deutsch, Englisch und Französisch, Erfahrungen und Eindrücken der unterschiedlichen Validierungsfachleute und ihren Institutionen und einem kurzen Einblick in 11 europäische Bildungssysteme stellte dieser Study Visit nicht nur eine hohe fachliche Bereicherung für die Teilnehmer/innen dar. In 14 Köpfen ist Europa diese Woche ein Stück weit überschaubarer und greifbarer geworden.

Gudrun Breyer

 

 

 

 

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