Interview mit Erwachsenenbildnerin Ilona Munique aus Bayern

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Ilona Munique wirkt in Deutschland, Österreich und Südtirol. Sie ist gelernte Bibliothekarin und bietet mit einem eigenen Unternehmen seit 1996 Organisationsberatung, Trainings und Vorträge im Spezialgebiet Bibliotheksorganisation & -management und in den Bereichen Personalentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit an.

 

 

Fotocredit: I. Munique

Liebe Frau Munique, am Anfang gleich die Frage zu Ihrem persönlichen Berufsweg: was waren denn die Stationen, die Sie in die Erwachsenenbildung geführt haben?

Ich begann als Bibliotheksassistentin in Bayern, vergleichbar dem heutigen FaMI (Fachangestellte/r für Medien- und Informationsdienste). Meinem Traumberuf blieb ich tatsächlich ein Leben lang treu, wenngleich in unterschiedlicher Ausprägung und unter Anreicherung weiterer Berufe. Nach dem dreijährigen „Vorbereitungsdienst“ (man war damals Anfang der 80er Jahre automatisch verbeamtet) übernahm ich die Bibliotheksleitung einer Fachbibliothek einer Bundeswehreinrichtung und einer öffentlichen Bibliothek in Bayern.

Bedingt durch einen Ortswechsel in ein strukturschwaches Gebiet tauschte ich meine „Verbeamtung auf Lebenszeit“ mit der Selbständigkeit. Getreu dem Motto Albert Schweitzers: „Ich wünsche mir Chancen, nicht Sicherheiten“. Was vor 20 Jahren ein Novum war, ist es im Grunde auch heute noch. Kaum eine Handvoll dauerhaft Vollerwerbs-Selbständiger dürfte es im Bibliotheksbereich geben. Unsicher war und bin ich dennoch nicht.

1996 also bot das von mir gegründete WEGA-Team Corporate Identity und Corporate Design für die Bibliothekswelt an. Sinnvoll dazu ergänzte eine Dtp-Ausbildung (Desktop-Publishing) mein neues Aufgabenfeld, geboren aus dem immer schon vorhandenen Interesse an konzeptioneller und wirksamer Öffentlichkeitsarbeit. Die grafische Ausbildung kommt mir noch heute sehr zugute, obwohl ich sie seit 2008 nicht mehr explizit Logo- oder Flyergestaltung anbiete.

Aufgrund der Anfragen meiner Leitbild-Kunden, sie in spezifischeren Fragen der Bibliotheksstrategien zu unterstützen, erwuchs im Laufe der Jahre ein umfangreicher Fortbildungsthemenkatalog. Immer stärker wurde ich als Trainerin, Coach und Moderatorin angefordert, denn die schlechte Finanz- und Personallage in der Bibliothekswelt fordert(e) ihren Tribut. Gesucht wird nach großartigen, individuellen Lösungen, jedoch in einer vernetzten, voneinander abhängigen Welt, und das alles mit wenig Mitteln. Kurz gesagt: eine Beratung zur Auflösung der Quadratur des Kreises, um das „Unmögliche möglich“ zu machen. Hier reichen Küchenpsychologie und reines Fachwissen bei weitem nicht mehr aus. Eine Ermöglichungsdidaktik, Hilfe zur Selbsthilfe, das Lernen lernen, methodisches Umsetzen des Gelernten … mit einem Wort: professionelle Erwachsenenbildung ist gefragt.

 

Was trägt Sie in Ihrer täglichen Arbeit als Erwachsenenbildnerin und Bibliothekarin?

Ich kann mir (m)eine Welt ohne die Grundlagen der Kultur – also Musik, Sprache, Kunst, Religiosität, Wissenschaft – nicht vorstellen. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass sich die Bibliothekswelt, die all das Genannte vereint, repräsentiert und verwertbar macht, am Leben bleibt. Würde ich diese Welt nicht mehr unterstützen dürfen, würde ich alternativ Tierpflegerin im Affengehege werden müssen. Vielleicht kann man ja dann wieder von vorne beginnen. Sie sehen: Ich habe den unbedingten Glauben an die Lernfähigkeit der „Primaten“. Und dass es eben nicht primitiv bleibt oder wieder dazu kommt (das momentane Weltgeschehen legt dies beinahe nahe), dazu lässt sich etwas beisteuern. Jeden Tag, ein (Berufs-)Leben lang.

 

Was hat Sie eigentlich zur wba-Zertifizierung bewogen und wie ist es Ihnen mit der wba-Zertifizierung ergangen?

Viele hunderte Fortbildungen später und mit wachsendem eigenen Anspruch wünschte ich mir eine professionelle Einschätzung und gegebenenfalls ein Update meiner autodidaktisch angeeigneten Fähigkeiten von Bildung und Bildungsmanagement. Gerade auch, weil keine kollegiale Feedbacksituation gegeben und mein Leistungsanspruch nur durch Evaluationen der Teilnehmenden und durch Kundenzuspruch für mich überprüfbar war, suchte ich nach … ja, was?! Berufsbegleitend musste es sein, außerdem grundständig, doch auch nicht mehr „basic“, sondern auf Augenhöhe.

In der Weiterbildungsakademie hatte ich es gefunden. Aufbauend auf dem eigenen Profil, feedbackgebend und –nehmend, achtsam, anerkennend und wertschätzend im Umgang mit uns Weiterbildungsteilnehmenden, unterstützend, stärkend, fordernd und fördernd war der Weg zum Zertifikat und zur Diplomierung zwar kein Kinderhüpfspiel, doch auch kein frustrierendes Hindernisrennen. Von allen wba-Mitarbeitenden (wie durch Sie, liebe Frau Steiner, oder durch Prof. Dr. Elke Gruber) gut begleitet waren sinnvolle Meilensteine und Ziele im eigenen Tempo erreichbar.

 

Wie war das wba-Diplom für Sie? Haben Sie davon profitiert?

Zunächst waren Zertifizierung (2009) und Diplomierung (2010) für mich genau die Antwort auf meine Fragen der Selbstüberprüfung. Die empfohlenen Bücher der Literaturlisten zur Erwachsenenbildung und zum Bildungsmanagement verschlang ich begierig, denn ich empfand sie  – und als Bibliotheks“wesen“ konnte ich das durchaus einschätzen – als ausgewogen, nicht zu niedrig im Anspruch, aber auch nicht zu wissenschaftlich überhöht, um nur der eitlen Theorie zu frönen. Ich erkannte vieles wieder, was ich bereits instinktiv anwandte, doch nun erfuhr ich den Zusammenhang, die Einbettung und die Grundlagen meines Denkens und Handelns. Noch heute picke ich mir hin und wieder eines der Bücher heraus und profitiere von der Wiederholung. Und ich entdeckte die „Türen des Käfigs“ (Meueler*), die plötzlich weiter offen standen als je zuvor. Den Schlüssel dazu hatte ich längst in der Hand, die Schritte ins Freie waren bereits gegangen, doch nun spürte und wusste ich ein für allemal, dass es gut war, wie es war und keine eitlen Hirnrissigkeiten … Und dass ich immer noch besser werden konnte.

Profitiert habe ich daher von einem neuen Selbstwertgefühl. Die Höherqualifizierung drückte endlich das aus, was in mir angelegt war. Jemandes „Assistentin“ war ich seit 1983 nie, doch diese offizielle Berufsbezeichnung „Bibliotheksassistentin“ hing mir doch ein Leben lang nach. Nicht, dass mich ein fehlender Titel persönlich übermäßig störte, doch ist das Dünkeldenken in deutschen Landen weit verbreitet. Darunter litt ich zuweilen. Sicher ebenfalls eine Motivation, das Diplom anzustreben. Jetzt endlich passte alles zusammen.

Schlussendlich brachte mich die wba-Diplomierung ab 2015 zu einer Dozententätigkeit an einer Fachhochschule, die einen berufsbegleitenden Weiterbildungslehrgang (Bibliotheksmanagement) anbietet. Versteht sich, dass ich die eigene Bildungsbiografie und alles, was ich Dank der wba über (subjektorientierte) Erwachsenenbildung lernen und erfahren durfte, mit einbringen kann, dergestalt, dass ich Verständnis für die Situation der Weiterbildungsteilnehmenden habe. Ohne die Legitimation durch das wba-Diplom wäre das Lehren dort sicher nicht so ohne weiteres möglich gewesen, zumindest nicht die Zweitbetreuung von Bachelorarbeiten, die aktuell daraus erwachsen ist. Auch, wenn der Honorarsatz von Hochschulen bekanntermaßen nicht einmal ansatzweise dem entspricht, was ich als Selbständige üblicherweise in Rechnung stelle – ich profitiere doch sehr von dem Wissensaustausch der Teilnehmenden, die allesamt bereits fest im Berufsleben stehen.

Ihnen mit der gleichen Umsicht zu begegnen und sie adäquat zu fordern und zu fördern, ganz so, wie es die wba damals tat, das ist mir ein dankbares Vergnügen und mit Geld wohl nicht zu bezahlen.

 

Haben Sie spezielle Pläne für die Zukunft? Gibt es Orte in der Erwachsenenbildung, wo Sie gerne hin möchten oder wo Sie etwas bewegen möchten?

Nach vier Qualifikationen innerhalb von 20 Jahren erlaube ich mir, aktuell privat etwas zu bewegen. Nachdem Bamberg eine feste Heimat wurde und mein Partner und ich uns seit 2011 deshalb endlich ein Hobby, das Imkern, leisten, wurden wir – oje – mit dem Bienensterben konfrontiert. Seit 2012 gibt es daher die „Bamberger Schulbiene“, die in diesem Jahr endlich ein eigenes grünes Klassenzimmer, die Bienen-InfoWabe, aus Spenden errichten konnte. Seit Ostern 2016 ist das Informations- und Bildungszentrum mit einem begleitenden Vortragsprogramm eröffnet. Sie sehen, Bildung begleitet mich bis in die Freizeit hinein.

Beruflich könnte ich mir vieles denken, und noch mehr, wenn Universitäten durchlässiger dafür wären. Es ist auch eine Zeit- und Geldfrage, weitere Qualifikationen zu erwerben, die mir uneingeschränktes Studieren und eine breitere Tätigkeit als Hochschullehrende ermöglichen. Bis zu einer immer lauter geforderten Änderung des Zustandes ist mein bester Ort immer der, der mich herausfordert und mich zu begeistern vermag. Mit Menschen, die an etwas glauben und etwas aufbauen möchten. Ich bin überzeugt, es kommen die Richtigen zusammen. In der Zwischenzeit halte ich es mit Hartmut von Hentig: „Die Menschen (und Bienen) stärken UND die Sachen klären“**. Danke für die (erneute) Reflexionsmöglichkeit durch die wba!

 

Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch und wünsche weiterhin viel Erfolg!

Das E-Mail-Interview führte Petra Steiner.

Link zum Blog des WEGA-Team: https://wegateam.wordpress.com/

* Ein Text von Meueler ist Teil des Readers für die wba-Zertifizierungswerkstatt. Das Buch dazu: Erhard Meueler (2009): Die Türen des Käfigs. Subjektorientierte Erwachsenenbildung.

** Dieses Zitat von Hartmut von Hentig ist Teil des Readers und wird von Werner Lenz verwendet. Das Buch dazu: Werner Lenz (1999): On the Road Again. Mit Bildung unterwegs. Innsbruck, Wien: Studienverlag. Zitat auf S. 73.

 

 

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