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Erfahrungen als Peer in Portugal: Giselheid Wagner beim Peer Visit in Lissabon

Mittwoch, März 1st, 2017

Die erste Entsendung einer wba-Mitarbeiterin als Peer fand von 1.-3. Februar 2017 statt: Giselheid Wagner reiste als Peer zur Validierungseinrichtung Citeforma in Lissabon und erlebte das Peer-Review-Verfahren nun aus dem Blickwinkel eines Peers. Von Projektseite wird ja bereits ein (in Vorprojekten entwickeltes und erprobtes) Handbuch zur Verfügung gestellt. Dies war äußerst hilfreich, da hier alle Abläufe beschrieben und Vorlagen für alle notwendigen Dokumente enthalten waren. Eine Agenda für die drei Tage wurde im Vorfeld gemeinsam erarbeitet, was vorherige Absprachen zwischen den Peers und der Validierungseinrichtung notwendig machte – dank Vidoetelefonie heutzutage glücklicherweise kein großes Problem mehr.

Peer Visit in Lissabon: v.l.n.r. Sílvia Coelho (Cecoa, Portugal), Isabel Miguel (ISLA, Portugal), Marloes Smit (Libereaux, Niederlande), Giselheid Wagner (wba)

Lernen voneinander: Spannende Einblicke in das System anderer Länder

Die drei Tage entpuppten sich als äußerst intensiv und interessant. Intensiv deshalb, weil aufgrund der straffen Agenda kaum Zeit zum Verschnaufen blieb, in den kurzen Pausen meist noch dokumentiert oder übersetzt werden musste. In den 3 Tagen wurden insgesamt 11 Interviews geführt, teils auf Portugiesisch, teils auf Englisch. Dazwischen wurde analysiert und am Ende in einer zweistündigen Sitzung eine Final Presentation vorbereitet, in der die Peers dem Direktor und ausgewählten Mitarbeiter/innen ihre Ergebnisse präsentierten. Äußerst interessant und lehrreich waren diese drei Tage aber auch: Wohl kaum bietet sich ansonsten ein solch intensiver Einblick in die Strukturen und Abläufe einer anderen Validierungseinrichtung und in ein völlig anderes System.

Giselheid Wagner kehrte daher mit viel neuem Knowhow über das portugiesische Validierungssystem zurück, das völlig anders funktioniert als in Österreich. Während Kompetenzanerkennung und Validierung in Österreich noch in den Kinderschuhen stecken, hat Portugal schon eine jahrzehntelange Tradition in diesem Bereich: Bereits im Jahr 2000 wurde ein staatliches Validierungssystem implementiert, das seitdem zwar mehrere Umformungen erfahren hat, aber auf gesetzlicher Grundlage ein ausdifferenziertes und gut funktionierendes Verfahren zur Verfügung stellt. Gründe für diese vergleichsweise frühe Entwicklung waren v.a. ein niedriges Ausbildungsniveau (72% der Bevölkerung ohne Schulbildung im Sekundarbereich) und eine hohe Schulabbrecherquote (38,6%) in Portugal.

Das portugiesische Validierungssystem: CQEP (Validierungszentren) und ANQEP (Staatliche Qualitätsagentur)

Bereits 2001 wurden die ersten Anerkennungseinrichtungen eröffnet, die zunächst RVCC-Zentren hießen (Centro de Reconhecimento, Validação e Certificação de Competências) und ab 2013 in CQEP umbenannt wurden (Centro para Qualificação e o Ensino Profissional). Derzeit gibt es 241 derartige Zentren in Portugal. Grundsätzlich werden hier zwei Angebotswege unterschieden: Über den sog. „akademischen Prozess“ können Schulabschlüsse nachgeholt werden (sowohl Pflichtschulabschluss als auch Maturaniveau, also Zugang zur Universität), über den „beruflichen Prozess“ Berufsabschlüsse. Von den 296 in einem nationalen Qualifikationskatalog gelisteten beruflichen Qualifikationen können mehr als 100 auch über ein Validierungsverfahren erlangt werden (Stand: 2016). Auch im Hochschulbereich ist Validierung ein gängiges Verfahren. Bis zu einem Drittel der erforderlichen ECTS eines Studiums kann über Validierung nachgewiesen werden – und dies auf allen drei Bologna-Niveaus. Validierung ist in Portugal seit 2009 integrativer Bestandteil des Nationalen Qualifikationsrahmens.

In diesem Kontext ist auch eine staatliche Behörde zu nennen, die für die Qualitätssicherung der Validierungseinrichtungen zuständig ist: ANQEP (Agência Nacional para a Qualificação e o Ensino Profissional). Diese staatliche Einrichtung koordiniert die Umsetzung der politischen Strategien, gibt Qualitätsvorgaben und ist für die Evaluation und für das Monitoring der CQEPs zuständig. Grundlage für die Arbeit ist ein Nationaler Qualitätsrahmen (Refence Guide for Quality Assurance in CQEPs). Ein regelmäßiges Selbst-Assessment ist Teil der Qualitätsentwicklung der CQEPs, ein jährlicher Arbeitsbericht muss an ANQEP geliefert werden – ebenso wie ein Entwicklungsplan.

Alle Aktivitäten der CQEPs werden in der landesweiten elektronischen Plattform SIGO dokumentiert (Sistema de Informaçao e Gestão da Oferta Educativa e Formativa).

Die Anforderungen sind staatlich geregelt und bilden die Grundlage für das Validierungsverfahren: In den „Key Competences Standards“ sind die Anforderungen beschrieben, die an das Nachholen eines Schulabschlusses gestellt werden, in den „Professional Competences Standards“ werden die Standards für berufliche Validierung festgelegt. 

 

Transparenz und klar geregelte, standardisierte Abläufe

Ein Validierungsprozess läuft in mehreren klar geregelten Stadien ab:

  • In einem ersten Schritt (Empfang/Reception) findet die Anmeldung und Erstinformation in einem CQEP-Zentrum statt.
  • Sodann beginnt die Phase der Diagnose (Diagnosis). Mit Hilfe eines Beraters/einer Beraterin werden Motive, Motivation, Bedürfnisse und Erwartungen geklärt und Ziele vereinbart.
  • In der Phase der Orientierung (Orientation) erhält der Kandidat/die Kandidatin Informationen über den weiteren Weg: Entweder kann er/sie nun den Weg der Validierung/Anerkennung wählen und auf diese Weise zu seinem gewünschten Abschluss gelangen – oder er/sie entscheidet sich für eine Aus- und Weiterbildung im klasisschen Sinne. Hier teilen sich also die Wege, wenn sich herausstellt, das Validierung nicht das passende Verfahren ist.
  • Personen, die den Validierungsprozess weiter verfolgen, gelangen nun in die Phase der Anerkennung (Competences‘ recognition): Mit Hilfe bestimmter Selbsteinschätzungstools werden Kompetenzen identifiziert und in einem reflexiven Lernportfolio zusammen gestellt. Es handelt sich in diesem Stadium also um ein formatives Verfahren.
  • In der Phase der Validierung (Competences‘ Validation)  werden die identifizierten Kompetenzen mit den vorgegebenen Standards abgeglichen. Dies geschieht einerseits in einem Selbst-Assessment, andererseits in einem Fremd-Assessment durch Berater/innen und Trainer/innen bzw. dem Koordinator/der Koordinatorin des CQEP-Zentrums (summatives Verfahren). Das Ergebnis dieser Phase wird benotet.
  • Den Abschluss bildet die Zertifizierung (Certification): Vor einer Jury findet eine mündliche, schriftliche oder praktische Prüfung (oder eine Kombination aus allem) statt. Die Jury besteht aus externen Personen, z.B. Vertreter/innen von Arbeitergeber- oder Arbeitsnehmerverbänden. Damit ist auch eine klare Rollentrennung zwischen Berater/innen und Prüfer/innen gewährleistet. Das Ergebnis der Prüfung wird ebenfalls benotet.

Das Ergebnis des gesamten Prozesses kann eine volle oder eine Teilqualifikation sein. Wurde nur eine Teilqualifikation erreicht, bieten die Validierungszentren weitere individuelle Unterstützung und Beratung, um entsprechende Weiterbildungen zum Erreichen einer vollen Qualifikation zu finden.

Mitarbeiter/innen von Citeforma und Peer Giselheid Wagner beim Peer Visit in Lissabon

Staatliche Förderung und Akzeptanz am Arbeitsmarkt

Das Durchlaufen eines Validierungsprozesses samt beruflichem oder schulischem Abschluss ist in Portugal zur Gänze staatlich gefördert – Teilnehmer/innen müssen selber nichts dafür bezahlen. Im hochschulischen Sektor ist dies anders, hier fallen Kosten an – je nachdem wie die Universitäten dies selber festlegen.
Entsprechend hoch sind die Teilnehmer/innenzahlen: Im „Länderbericht Portugal“ von 2014 wird die Zahl von mehr als 1,3 Millionen Personen genannt, die zwischen 2000 und 2010 eine Zertifizierung anstrebten (wobei hier offen ist, ob es sich um Teilnehmer/innen oder Absolvent/innen handelt). 2012 nahmen laut derselben Quelle 69.915 Personen an einem „akademischen Validierungsprozess“ teil (Nachholen von Schulabschlüssen), 1.346 Personen durchliefen einen „beruflichen Validierungsprozess“. Der große Unterschied ist laut Nachfrage der Bloggerin bei Expert/innen vor Ort darauf zurück zu führen, dass das Nachholen der Berufsabschlüsse sehr schwierig ist, „ganze Qualifikationen“ werden überhaupt sehr viel seltener zertifiziert als „Teilqualifikationen“.

Sehr positiv hervorzuheben ist die völlige Gleichstellung der Zertifikate auf dem Arbeitsmarkt: Es ist aufgrund der ausgestellten Abschlusszertifikate nicht erkennbar, ob eine Qualifikation auf klassischem Wege über Aus- und Weiterbildung oder über ein Validierungsverfahren erworben wurde. Damit konnte eine bessere Anerkennung und Aufwertung auf dem Arbeitsmarkt erreicht werden.

Mehrere externe Evaluationen fanden heraus, dass Validierung generell einen positiven Effekt auf die Personen hatte: Gefördert und gesteigert wurden dadurch auch Selbstbewusstsein und Selbstwert, größere Autonomie, Empowerment, größere Teilhabe an Gesellschaft und Arbeitsmarkt. Viele Personen fanden auf diese Weise zum Lernen und zur Weiterbildung zurück und erlangten große Motivation, danach weitere und höhere Bildungswege einzuschlagen.

Auf dem Arbeitsmarkt findet Validierung gute Akzeptanz, allerdings immer auch abhängig davon, ob dieses Verfahren bei Arbeitgebern bekannt ist oder nicht. Die Gleichstellung der Zertifikate hat hier aber sicherlich einen positiven Effekt: Validierungsverfahren tragen grundsätzlich v.a. zur individuellen Arbeitsplatzsicherung bei (Berufstätigkeit ist auch eine Voraussetzung, um in den Validierungsprozess einsteigen zu können). Zu Lohnerhöhung trägt Validierung allerdings bislang kaum bei. Das mag damit zusammenhängen, dass Personen mit Abschluss im Bereich der beruflichen Validierung danach auch keinen anderen Tätigkeitsbereich haben als vorher.

Das große Plus von transnationalem Peer Review

Alles in allem war der Peer Visit in Lissabon also ein großer Erfolg. Es ist tatsächlich so wie angekündigt: Beim Peer Review lernen Institutionen voneinander – durch den Austausch, durch den Einblick in das Tun der anderen. Eine echte Win-win-Situation: Die besuchte Einrichtung erhält durch den Blick der Peers von außen Ideen und Empfehlungen für ihre eigene Weiterentwicklung, aber auch die Peers fahren mit neuem Wissen nach Hause. Das Ganze passiert sehr kollegial und unhierarchisch – in vertrauensvoller und offener Atmosphäre. Beste Voraussetzungen für gelungenes Lernen!

 

Links und Quellen:

www.citeforma.at

www.anqep.gov.pt

Cedefop: European inventory on validation of non-formal and informal learning – Portugal – 2016

Cedefop: European inventory on validation of non-formal and informal learning – Portugal – 2014

 

Zur Geschichte des Peer Review-Projekts

Projekttitel des Erasmus+-Projekts: „Transnational Peer Review in Validation of non-formal and informal learning (VNFIL) Extended“ 2016-2018

Ziel dieses Erasmus+-Projekts ist es, transnationale Peer Reviews zwischen den Partnereinrichtungen durchzuführen und in Folge das bereits bestehende Handbuch weiter zu entwickeln. Außerdem soll versucht werden, nationale Stakeholder zu gewinnen und Peer Review als Qualitätssicherungsinstrument in Anerkennungseinrichtungen zu implementieren.

Das Kick-Off-Meeting fand vom 11.-12. Jänner 2016 in Arnhem (Niederlande) statt. Das zweite transnationale Treffen mit allen Partnern am 16.-17. Juni 2016 in Wien in den Räumlichkeiten der wba.
Teilnehmende Partnerländer: Österreich, Niederlande, Portugal, Frankreich, Slowakei, Litauen.

Nähere Informationen zum Projekt sowie zu Vorgängerprojekten und Peer Review im Allgemeinen sind auf der Website der Europäischen Peer Review Vereinigung (European Peer Review Association, EPRA) zu finden:
http://www.peer-review-network.eu/pages/peer-review-vnfil-extended.php

Peer Review als Methode

Peer Review meint die externe Evaluierung durch sogenannte Peers. Diese kommen aus anderen Anerkennungsstellen, die die spezifischen Tätigkeiten und Abläufe aus eigener Erfahrung kennen und somit der zu evaluierenden Einrichtung auf Augenhöhe begegnen (bottom up). Peer Review kann auf anderen bereits existierenden Qualitätssystemen aufbauen, ist entwicklungsorientiert und soll Anerkennungseinrichtungen dabei unterstützen, ihre Qualität zu verbessern. Peer Review fördert somit auch die Vernetzung von Anerkennungseinrichtungen untereinander – sowohl die Peers als auch die Anerkennungsstellen selber lernen aus einem Peer Review-Prozess.