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Es geht um Toleranz und Akzeptanz - Christine Mitterlechner im Interview

Fr. Mitterlechner vor L³M-Tafel in Las Vegas, Fotocredit: Christine Mitterlechner

 

Eine besondere Erwachsenenbildnerin

Liebe Frau Mitterlechner, Sie sind eine ganz besondere Erwachsenenbildner/in. Sie wechseln zwischen Österreich und den USA und arbeiten vorwiegend mit Älteren. Erzählen Sie uns doch bitte, wie Sie zur Erwachsenenbildner/in wurden.

Eigentlich begann meine Entwicklung zur Erwachsenenbildnerin schon in der Zeit, als ich als Dozentin sowohl am Päd. Institut der Stadt Wien als auch der Erzdiözese Wien in der Lehrenden-Fort- und Weiterbildung tätig sein durfte (1985 – 2005). Als engagierte Schulleiterin sah ich mich auch als Erwachsenenbildnerin, nicht nur als Pädagogin. Ein völlig neues Feld tat sich für mich durch das Studium der Geragogik an der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule in Wien Strebersdorf auf: Mein FoKus richtete sich dadurch auf die Arbeit mit älteren und alten Menschen. Begleitend zum Masterstudium Geragogik habe ich mir weitere Kompetenzen erworben, weil ich merkte, da und dort muss ich „nachschärfen", um auf die Bedürfnisse älterer Menschen besser eingehen zu können. Ich wurde zur LIMA („Lebensqualität im Alter") - Trainerin und Motogeragogin. Einige Jahre später kamen die Qualifikationen „Trainerin für Biographiearbeit und Lebensgeschichten" sowie „Trainerin für Sinnquell-Einheiten" dazu. Waren es früher die Kinder, die mich als Montessori-Pädagogin faszinierten (ich war 1992 Mitbegründerin der Montessori-Vereinigung Wien), so haben nun alte und sehr alte Menschen in ihrer Diversität und Vulnerabilität mein Herz gewonnen – für sie setze ich mich ein.

 

Bildungsarbeit mit Älteren

Wie sieht denn Ihre erwachsenenbildnerische Arbeit nun genau aus? Was bieten Sie an?

Mit meiner Studienkollegin Beatrix Dangl-Watko habe ich 2006 – 2010 das ganzheitliche Lernkonzept „L³M – Lebensbegleitend Lustvoll Lernen nach Montessori" entwickelt, erprobt und evaluiert. Pädagogische Ziele von L³M sind die Förderung der geistigen Fähigkeiten, der Lebensfreude, der Selbstbestimmung, der Selbsttätigkeit und der Selbstständigkeit von älteren und alten Menschen. Es geht auch um die Weiterbildung zum/zur Lernbegleiter/in für Senior/innen nach Montessori-Prinzipien. Weiterbilden können sich Personen aus dem Bildungs-, Betreuungs- und Pflegebereich, Therapeut/innen, ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen und Angehörige.
Bei älteren und alten Menschen halte ich L³M-Einheiten in Senior/innen-Einrichtungen und unterstütze sie bei der Alltagsbewältigung. Zur Weiterbildung von „Professionals" halte ich L³M –Vorträge, -Workshops und Seminare im In- und Ausland (bis jetzt in Polen, Slowakei, Deutschland, Tschechien, Ungarn, Irland und den USA) und organisiere und leite L³M – Lehrgänge. Außerdem habe ich mit Gleichgesinnten 2014 in Wien den Verein „Institut für Lebensbegleitendes Lernen" (IL³) gegründet, um Projekte in der Erwachsenenbildung zu ermöglichen.

 

Was zeichnet die Menschen aus, mit denen Sie arbeiten?

Meine Zielgruppe ältere Menschen bildet natürlich eine sehr heterogene Gruppe. Das betrifft nicht nur das Alter (50 – 100 Jahre), sondern auch die Herkunft (speziell in Las Vegas eine bunte Mischung), den Status, den physischen und psychischen Gesundheitszustand, den kulturellen Hintergrund und vieles mehr. Andererseits hatte ich in L³M-Lehrgängen mit Personen zu tun, die aus sehr unterschiedlichen Berufen kommen (Ärzte, Sozialbegleiter/innen, Hauskrankenpflege/innen, Architektin, SelbA- und LIMA-Trainer/innen, Student/innen, Therapeut/innen, Montessori-Pädagog/innen, ...). Wie wird man möglichst allen Ansprüchen gerecht? Das gleicht bisweilen einem Spagat. Man kann ihn leisten, durch sehr viele individuelle Angebote (was einen großen Aufwand bedeutet), durch Kommunizieren auf Augenhöhe und durch Bereitschaft voneinander lernen zu wollen. Es geht um Toleranz und Akzeptanz.

 

In den USA arbeiten...

Sie arbeiten und wirken auch in den USA. Wann kamen Sie denn in die USA und warum und wo genau arbeiten Sie da und wie viel Zeit des Jahres?

Seit 28 Jahren fliegen mein Mann und ich in die USA, weil in Las Vegas ein Onkel meines Mannes seinen Lebensabend verbracht hat. Ursprünglich waren es Kurzurlaube, aber seit 2012 verbringen wir jährlich vier bis fünf Monate (meist über die Winterzeit) in unserem Haus auf Rhodes Ranch im Südwesten der Spielerstadt. So begann ich ab 2013 jeweils 2 Monate lang einmal wöchentlich mit einer Gruppe von hochaltrigen Senior/innen (jeweils 8 bis 12 Teilnehmende) in „Carefree Willows" (independent living) mit L³M-Einheiten zu arbeiten. Unsere „Montessori for Seniors" dauerte ca. 90 Min., danach saßen wir zum Gedankenaustausch bei Kaffee/Tee und Kuchen beisammen (von mir mitgebracht). Ab 2018 durfte ich mein Angebot in „Legacy House" (independent & assisted living) fortsetzen.

Fotocredit: Christine Mitterlechner

 

Wie fühlt sich die Verbindung zwischen Österreich und USA für Sie an, ist das nicht manchmal auch schwierig zu vereinbaren?

Gerne hier ein Beispiel, das mich beschäftigt: Ich brauche nicht nur ein theoretisch fundiertes Fundament, sondern handfestes Lernmaterial. Das Lernmaterial besteht zum Teil aus Holz und wird mit Auftragskarten, breiten Gummibändern, farbigen Holzkluppen oder bunten Plastikstöpseln versehen und in ein vierseitig beschriftetes Holzkistchen verpackt. Es gibt aber auch Bildmaterial aus Kapa-Platten. All das wird in Österreich von Häftlingen der Justizanstalt Sonnberg/Hollabrunn hergestellt. Dieses Lernmaterial wird in die USA transportiert. Der Transport von didaktischen Materialien von Wien nach Las Vegas bzw. die Anfertigung von diesen speziellen Materialien in den USA ist jährliche Herausforderung. Ich muss mir dafür Farbdrucker, Laminiergerät, Schneidemaschine, spezielle Papiersorten, ... zulegen.
Weiters brauchte es einen langen Atem dafür, mit meinem Konzept Eingang in eine Senior/innen-Einrichtung zu finden, die Leitung und Bewohner/innen dafür zu begeistern, Termine zu organisieren, alle Materialien immer hinzubringen und das ehrenamtlich. Wenn ich von Wien abflog, waren die Teilnehmenden meiner Gruppe traurig, ging es von den USA heimwärts, flossen manchmal Tränen bei meinen Teilnehmer/innen. (Mein Lehrer Prof. Kolland nennt sie „Langlebige" und meint Hochaltrige.) Tränen flossen, weil nie sicher ist, ob man einander nach einigen Monaten wiedersehen kann – ein sehr ambivalentes Gefühl!

Fotocredit: Christine Mitterlechner. Frau Mitterlechner zum Bild: „Doff und Harry sind ein Ehepaar. Sie ist in drei Monaten 100 J, er ist 95 J. Sie haben von 2013 bis 2019 alle meine Angebote in Las Vegas mit großer Freude und Begeisterung besucht."

 

Eine Haltungsänderung steht am Beginn der Lernbeziehung

Was an Ihrer Arbeit mögen Sie gerne? Gibt es auch Dinge, die schwierig sind?

Die Arbeit mit alten Menschen löst ein Glücksgefühl in mir aus. Ich versuche ihnen meine Zuwendung, Zeit, Empathie, mein Wissen und meinen Respekt zu schenken und bekomme so viel zurück! Meine verstorbenen Eltern (beide über 40 Jahre im Bildungsbereich tätig; Mutter war 13 Jahre lang Alzheimer-Patientin, mein Vater hatte Parkinson) lehrten mich, dass jedes Wesen einzigartig ist, dass wir (fast) alles erreichen können, wenn wir couragiert sind, dass das Leben ein Geschenk ist, wofür wir dankbar sein müssen. Schwierig wird es für mich, wenn ich mit Gruppen arbeite, in denen viele Demenzpatienten sind. Da sind professionelles Vorgehen, Schutz vor Vereinnahmung und überaus viel Geduld erforderlich. Auf der emotionalen Ebene erreiche ich sie und es gelingt vieles. In den USA stellte auch die Sprache eine Erschwernis dar. Aber nachdem „little Ann" (eine damals 94-jährige junge humorvolle Dame) mich mit folgendem Satz beruhigte: „Hi, Christine, don't worry, it doesn't matter, we love your accent", machte ich mir keine weiteren Sorgen mehr.
In Lehrgängen merke ich manchmal, dass ich Personen, die nicht gerade liebevoll und respektvoll mit alten Menschen umgehen, als fehl am Platz bzw. in dieser Weiterbildung empfinde. Denn als Lernbegleiterin geht es um eine neue Haltung den Älteren gegenüber und nicht um eine neue Rolle.

 

Das ist sehr spannend, was meinen Sie mit „neue Haltung" genau?

Wer sich als Lernbegleiter/n auf selbst gesteuertes Lernen von Senior/innen einlässt, steht vor der schwierigen Aufgabe, sein bisheriges Verständnis von Bildungsarbeit mit Senior/innen zu überdenken und zu verändern. Es geht nicht darum, in eine neue Rolle zu schlüpfen, sondern in eine neue Haltung hineinzuwachsen. Der/die Lernbegleiter/in ist nicht als Animateur/in, als Wissensvermittler/in, als jemand für jedes Problem Zuständige/r /tätig. Nicht wir stehen im Zentrum. Wir sagen den älteren Menschen nicht was und wie, oder wie lange, wie oft mit wem und wo sie lernen sollen. Diese neue Haltung hat nichts mit Passivität zu tun, im Gegenteil, sie erfordert Wachheit und Offenheit, die nur durch eine innere Vorbereitung und lange Übung zu erreichen ist. Eine Haltungsänderung steht also am Beginn der Lernbeziehung, in der Lernbegleiter/innen zurücktreten, um den Senior/die Seniorin hervortreten zu lassen.

 

Welchen Status hat Ihrer Meinung nach die Bildungsarbeit mit älteren Menschen? Wohin geht die Reise des Lernens von und mit älteren Menschen? Sehen Sie Unterschiede zwischen Österreich und USA?

Der Status der Bildungsarbeit mit älteren Menschen entspricht meiner Meinung nach nicht dem, wie er sein sollte. Der Fokus in der Erwachsenenbildung liegt auf den zumeist aktiven und gut orientierten Personen. Wir leben aber in einer alternden Gesellschaft und deshalb wäre es höchst an der Zeit, auch für das vierte und sogar für das fünfte Lebensalter sinnvolle Angebote zu kreieren. Die Reise des Lernens von und mit älteren Menschen muss auf Augenhöhe stattfinden. Bildungsangebote müssen dieser Zielgruppe dabei helfen, ihren Lebensalltag besser meistern zu können und sie müssen noch viel mehr auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt sein. Wichtig ist dabei Zeitdruck zu vermeiden, ein geduldiges Heranführen an digitale Hilfen ist nötig. Bildungsangebote sollen helfen, Ängste vor der Zukunft abzubauen und die Menschen dabei unterstützen, ihre Würde zu wahren.
In den USA ist man neuen Ideen gegenüber sehr aufgeschlossen. Das bedeutet in meinem Fall, dass es nicht so lange dauert, bis ein innovatives Bildungsangebot umgesetzt werden kann. Von den Teilnehmenden meiner Gruppe wurde immer wieder betont, dass sie in den Senior/innen-Einrichtungen ein Angebot vermissen, das Körper und Geist umfasst – dafür ein Überangebot an Entertainment vorfinden. In Las Vegas gibt es Activity-Centers „for 50 and better" die man mit unseren Tageszentren vergleichen könnte. Es gibt ein unglaublich reiches Angebot (spezielles Fitnesscenter für Ältere, Bücherei, Kreativraum, Kochkurse, Computerraum, Nähstuben mit über 20 Nähmaschinen, ...), aber kaum etwas, das auch das Gehirn fordert und fördert.

 

Die wba wirkt – Anerkennung ist ein Wert

Sie sind wba-zertifizierte und diplomierte Erwachsenenbildnerin mit Schwerpunkt Lehren/Gruppenleitung/Training. Wie sind Sie zur wba gekommen sind und was hat die wba für Sie verändert?

Foto: Frau Mitterlechner (3.v.re.) mit wba-Diplom inmitten der Prüfenden und wba-Diplomierten beim Kolloquium am 17. Oktober 2019; Fotocredit: wba

Auf die wba bin ich durch meine Teilnahme an Veranstaltungen am bifeb (Bundesinstitut für Erwachsenenbildung) in Strobl/St. Wolfgang gestoßen. Meine Erfahrungen mit der Zertifizierung an der wba ist: Die wba ermutigt, sich den eigenen Werdegang anzuschauen und zu dokumentieren. Also fasste ich mir ein Herz und begann zu recherchieren, was ich im Lauf meines Lebens an Ausbildungen, Studien, Weiterbildungen absolviert und welche Erfahrungen ich gemacht habe, welche Kompetenzen, welches Wissen ich erworben hatte, wie viel Arbeit ich in der Praxis geleistet habe. Die professionelle, geduldige und persönliche Begleitung der wba (in meinem Fall von Fr. Dr.in Giselheid Wagner) in diesem doch länger andauernden Prozess habe ich als wirkliche Unterstützung empfunden. Ich bin eine Frau, die gewohnt ist, vieles allein zu schaffen, jedoch lerne ich, immer besser Hilfe anzunehmen. Eine zertifizierte und diplomierte Erwachsenenbildnerin zu sein, erfüllt mich mit Freude, macht mich stolz und hebt mein Selbstbewusstsein. Anerkennung ist ein Wert! Ich versuche auch andere zu ermutigen, sich diesem Prozess zu stellen – es lohnt sich.

 

Haben Sie so etwas wie ein Motto, das Ihnen im Alltag hilft und Sie weitergebracht hat? Etwas, was Sie gerne weitergeben möchten?

Ich habe mehrere: Lass dich nicht unterkriegen! Mach das Beste aus jedem Tag! Feiere Feste wie sie fallen!
Wer in der Erwachsenenbildung tätig ist, darf Menschen bei ihren Lernprozessen begleiten. Auf das Wunder des Begreifens, Verstehens, Verarbeitens und der Anwendung im Lebensalltag können wir hoffen und warten. Es lohnt sich allemal!

 

Liebe Frau Mitterlechner, wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen weiterhin viel Erfolg!

Danke vielmals! In dieser besonderen Zeit wünsche ich allen Gesundheit!

 
Das Interview führte die wba-Mitarbeiterin Petra Steiner im April 2020.

Weiterführende Links:

 

Am meisten beeindruckt mich, dass es aufgrund des modularen Zertifizierungs- und Anrechnungsverfahrens möglich ist, Menschen mit unterschiedlichen Biografien und Ausbildungshintergründen für die Erwachsenenbildung zu qualifizieren – bis zu einem Hochschullehrgang mit Masterabschluss.

Mag. Peter Maurer

Bildungsmanagement & PR am Bildungszentrum St. Bernhard