Basisbildung ist viel mehr als ein einfacher Kurs, wo sechs Leute drin sitzen!

Melanie Wiedner ist seit über 20 Jahren Basisbildnerin und hat nun das wba-Zertifikat zur Erwachsenenbildnerin sowie das Zusatzmodul zur Basisbildnerin absolviert.

 

Liebe Frau Wiedner,

wir freuen uns, dass Sie uns über Ihre Tätigkeit als Basisbildnerin berichten! Wie können wir uns Ihre Arbeit vorstellen?

  Melanie Wiedner, Kursleiterin der Basisbildung bei ISOP-GmbH, Fotocredit: M. Wiedner

Ich arbeite bei ISOP-GmbH in Graz und in Feldbach, hier habe ich je einen Kurs. Der Kurs ist über die Initiative Erwachsenenbildung gefördert. Unser Kurskonzept sieht vor, dass ein Kurs maximal sechs Personen beinhaltet, wir erlauben laufende Ein- und Ausstiege. Wenn Personen sich für den Kurs interessieren, gibt es ein Informationsgespräch zum Programm. Danach gibt es eine Einzelberatung zum Lerneinstieg, wo man die Teilnehmenden besser kennen lernt und eruiert, was die tatsächlichen Bedürfnisse sind und bereits Ziele definieren kann. Nach einer gewissen Zeit kommen die Personen in die Gruppe.

Die Themen des Trainings sind: (sinnerfassendes) Lesen, Schreiben, Texte, Grammatik, ein großer Bereich ist Mathematik (bis zum Niveau der 4. Klasse Mittelschule), Informations- und Kommunikationstechnologie (z.B. mit Smartphone und mit Laptop oder Online-Lernmaterial umgehen können). Ein weiteres Thema ist Basis-Englisch, dieses wird abgestimmt auf die Anliegen der Teilnehmenden. Nicht jede:r Teilnehmer:in braucht alle Themenbereiche, vielmehr wird einzeln abgeklärt, was gebraucht wird und wobei die erworbenen Kompetenzen helfen. Ein Lernplan in Form eines eigenen Portfolios erfasst genau das in Zielen und Teilzielen. Alle drei Monate geht man diesen Lernplan gemeinsam durch.

Basisbildungskurs, leerer Tisch in der Pause Tisch des Basisbildungskurses bei ISOP-GmbH in der Pause, Fotocredit: M. Wiedner

Sie haben recht kleine Lerngruppen. Wie kommt es zu der kleinen Gruppe von sechs Personen? Was müssen Sie in Ihrer Didaktik als Basisbildnerin besonders beachten?

Wenn man Lernende in der Basisbildung begleitet, welche unterschiedliche Bedürfnisse und Lagen haben, dann sollte die Gruppe klein sein. Die Menschen in Basisbildungskursen sind sehr unterschiedlich, z.B. finden sich in ein und demselben Kurs Teilnehmende mit und Teilnehmende ohne Deutsch als Muttersprache.

Dennoch findet man natürlich auch Querschnittsthemen, die für alle passen (z.B. politische Bildung, Geografie, eine Tageszeitung liegt immer im Kurs…). Gut ist auch das gemeinsame Spielen, das Miteinander Sprechen und Unternehmungen.

Was wir positiv sehen ist, dass Menschen, die sich ansonsten nicht sehen würden, hier Freundschaften schließen und Vorurteile abbauen können. Konflikte kann es auch geben, damit muss man als Trainerin umgehen. Wir versuchen in diesem Fall zu vermitteln, wir versuchen beide Parteien erzählen zu lassen. Schon das allein bringt sehr viel! Dadurch werden mitgebrachte „Ideen im Kopf“ thematisiert und dabei kann erkannt werden, dass manche dieser Ideen so nicht stimmen.

Es ist uns wichtig, dass wir lebensweltnah zu unseren Teilnehmenden sind. Unsere Unterrichtsmaterialien sind dem entsprechend gestaltet. Wir fragen uns: Was interessiert die Person, was macht sie? Wenn jemand gerne Gartenarbeit macht, dann kann hier Rechnen gelernt werden: wie viel Erde brauche ich, ich kann Maße thematisieren, Bruchrechnen ist ein Klassiker…

Wie war ihr Weg in diesen Beruf als Basisbildnerin?

Ich bin ausgebildete Lehrerin für die Mittelschule in den Fächern Deutsch sowie Ernährung und Haushalt. Nach der Ausbildung war es jedoch nicht mein Wunsch gleich in der Schule zu unterrichten und zu dieser Zeit war bei ISOP ein Job ausgeschrieben, Titel des Projektes war: „Neustart-Grundbildung“. Ich blieb bei dieser Tätigkeit, weil mir die Erwachsenenbildung und die Zielgruppe sehr entspricht. Zusätzlich hatte ich die Möglichkeit neben der Basisbildung in Projekten zu arbeiten (meistens mit der Zielgruppe Geringqualifizierte, das ist mein Spezialgebiet). So konnte ich immer machen, was ich mir liegt und gleichzeitig neue Herausforderungen erleben.

Weg durch die Kompetenzanerkennung bei der wba

Wie kam es, dass Sie die wba für Ihren Zertifikatszusatz als Basisbildnerin wählten?

Ich bin bereits seit 2002 als Basisbildnerin tätig. Damals mussten wir viel Lehr-, Lernmaterial und Ähnliches selbst entwickeln. Ich habe deshalb auch selbst Basisbildner:innen unterrichtet, was dazu führte, dass für mich der Lehrgangsbesuch nicht in Frage kam. In dieser Situation kam mir das Angebot der wba sehr gelegen. Hier konnte ich mittels Kompetenzanerkennung einen Nachweis meiner schon vielen vorhandenen Kompetenzen erreichen.

Wie haben Sie die Zertifizierung bei der wba erlebt?

Total geschmeidig… Ich habe mich sehr gut begleitet gefühlt. Es war klar, was zu tun ist, was die nächsten Schritte sind. Ich finde auch den Login-Bereich sehr hilfreich, da sieht man immer, was erledigt ist und was man noch machen muss. Das war sehr angenehm. Ich konnte auch die MC-Tests online absolvieren. Auch hier hat man Gewissheit und weiß genau, wo die Literatur zu finden ist. Im Zusatzmodul Basisbilder:in wunderte ich mich zuerst über das umfangreiche Skriptum und habe bei meiner Beraterin nachgefragt. Frau Stieglmayer hat mir dann Informationen gegeben: Es war nicht so riesig, wie ich am Anfang glaubte, ich dachte irrtümlich das ganze Skriptum sei zu lernen. Gut ist bei der wba: Man kann immer gleich nachfragen und erhält die Information, die man braucht.

Wir von der wba machen uns auch Gedanken über die wba-Kandidat:innen, die wenig nachfragen.

Ich sehe hier doch eine Holschuld, wenn mir etwas nicht passt und wenn ich mich nicht auskenne, dann muss ich fragen. Ich frage lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Man bekommt in der wba auch immer sofort Antwort. Ich fordere das übrigens auch von meinen Teilnehmenden und bitte diese, mir mitzuteilen, wenn etwas nicht passt und natürlich auch, wenn sie zufrieden sind. Da bin ich auch Vorbild.

Wie haben Sie die Zertifizierungswerkstatt erlebt?

Das war sehr bereichernd für mich. Wir waren damals ausnahmsweise in Wels und wir waren nur zu viert in der Gruppe. Das war ein totaler Luxus! Ich habe tolle Kolleginnen aus der Erwachsenenbildung kennen gelernt und das als bereichernd erlebt. Es ist auch schön, Rückmeldung zu erhalten für das, was man leistete und darüber, woran man noch arbeiten kann. Ich habe das tatsächlich als lustvoll empfunden und nicht als Kritik! Da werden Potentiale geöffnet.

Das freut uns zu hören! Mussten Sie viel nachholen oder haben Sie schon alle Kompetenzen für das Zusatzmodul Basisbildung mitgebracht?

Ich muss gestehen, ich musste nicht viel nachholen. Die Zertifizierungswerkstatt und ein-zwei Selbstbeschreibungen und die beiden MC-Tests.

Wie ging es Ihnen mit den Selbstbeschreibungen? (Anmerkung: Selbstbeschreibungen ermöglichen informell erworbene Kompetenzen nachzuweisen, wenn man keinen Kurs und keine passende Ausbildung hat)

Meine Beraterin, Frau Stieglmayer hat mir gesagt, was gut wäre und nahm sich die Mühe, mir Feedback zum Geschriebenen zu geben. Das fand ich sehr hilfreich. Die größte Überwindung ist: man muss sich mal hinsetzen.

Alle wba-Kandidat:innen für das Zusatzmodul Basisbildung müssen einen Bildungstheorietext speziell zu Basisbildung lesen und darüber einen Multiple-Choice-Test ablegen. Wie haben Sie diesen Teil der Zertifizierung erlebt?

Der Basisbildungstext war eigentlich ganz spannend. Einiges war schon bekannt. In der Basisbildung gibt’s ja ein paar Klassiker, die sollte man schon kennen und ich kenne sie. Es war trotzdem wertvoll, diese Inhalte wieder heranzuholen und durchzulesen. Denn auch wenn man lange in einem Tätigkeitsbereich ist, kann man so viel mitnehmen, man setzt sich in der Folge in der Arbeit anders mit Themen auseinander und holt alte Inputs neu herein.

Pädagogische und didaktische Erkenntnisse der Basisbildnerin

Gibt es wichtige pädagogische und didaktische Erkenntnisse, die Sie in Ihrer Arbeit tragen?

Es ist so, dass wir als Basisbildner:innen gewisse Vorgaben haben, es gibt ein Curriculum, das wir laufend mitdenken. Wir integrieren auch sozialpädagogische Begleitung, die wir in der Gruppe selbst machen, da wir dafür ausgebildet sind. Dieser sozialpädagogische Aspekt wird leider oft stiefkindlich behandelt, insofern als die Unterrichtseinheiten abgegolten werden und sozialpädagogische Beratung nicht zählt, die dennoch in der Arbeitszeit und im Design enthalten ist und ist für die Zielgruppe etwas sehr Wichtiges darstellt.

Was macht die sozialpädagogische Beratung im Rahmen von Basisbildung möglich, was sonst nicht möglich wäre?

Die Teilnehmenden haben großes Vertrauen und kommen mit ihren Problemstellungen zu uns. Diese Vertrauensbasis ist sehr wichtig. Basisbildung ist nach wie vor ein sensibles Thema. Teilnehmende wenden sich an uns und wissen nicht, an wen sie sich sonst wenden können. Es sind oft gesundheitliche Themen, Behördengeschichten: Wir vermitteln an passende Stellen und weisen auf Angebote hin. Genau das ist das Wichtige, denn oft fehlt den Teilnehmenden dieses für sie nötige Wissen. Damit erst ermöglichen wir Zugang zu diversen Unterstützungsangeboten. Das ist eben alles Basisbildung! Es ist nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen und PC! Basisbildung ist viel mehr als ein einfacher Kurs, wo sechs Leute drin sitzen.

Was sehen Sie als aktuell wichtige Herausforderungen für die berufliche Gruppe der Basisbildner:innen?

Das sind die Rahmenbedingungen, das muss man ehrlich sagen. Diese werden immer straffer. Wir merken Druck, z.B. indem immer wieder zur Diskussion steht, dass wir mehr als sechs Teilnehmende in einen Kurs nehmen sollten. Daneben ist die Förderung über 1-1,5 Jahre Thema. Wir haben keine Sicherheit, dass es den Job danach noch gibt und gleichzeitig wissen wir, wie wichtig diese Arbeit ist. Die Initiative Erwachsenenbildung ist eine super Idee, aber es ist dennoch immer ein Zittern. Das macht mit uns als Personen und als Trainer:innen etwas... Wir von ISOP sind im Vergleich gut ausgestattet, dennoch fehlen Zeit und Raum für Konzepte. Beispielsweise war Supervision Standard als ich in der Basisbildung anfing, das ist schon lange nicht mehr so. Wir müssen sehen, wie wir mit dem Geld auskommen.

Was würden Sie jüngeren Erwachsenenbildner:innen und Basisbildner:innen gerne mitgeben?

Das ist sicher, dass es sich auszahlt, immer wieder neu auf Dinge zu blicken und neugierig auf Dinge zuzugehen und dass man immer Neues entdecken kann. Die Welt hat einfach so viel zu bieten! Es ist wundervoll, mit so vielen Menschen arbeiten zu dürfen und sie auf ihrem Weg begleiten zu dürfen! Ein Beispiel: Wir hatten eine Teilnehmerin, die perfekt Deutsch sprechen konnte, aber nicht schreiben und lesen und es war sehr schön, ihren Weg zu erleben. Sie ist noch immer im Kurs und liest mittlerweile leichte und einfache Bücher und wurde ins Fernsehen eingeladen. Darauf ist sie stolz.

Liebe Frau Wiedner, wir bedanken uns herzlich für diese interessanten Einsichten, die Sie uns gewährt haben. Wir wünschen Ihnen und der ISOP-GmbH weiterhin viel Freude und Erfolg!

Die wba hat mir beim Aufspüren von Stärken, aber auch Lücken in meinem vorangegangenen Bildungsweg geholfen. Ich wurde mit Herz und Hirn beraten und konnte einen anerkannten, herzeigbaren Abschluss erwerben, der mir auch im universitären Arbeitsfeld geholfen hat.

ao.Univ.-Prof. Martin Vácha, Bakk.art. MA MA PhD

Kultur- und Bildungsmanager, Sänger, Lehrender für Gesang und Kulturmanagement, wba-diplomierter Erwachsenenbildner